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Unterrichtsqualität im Sportunterricht

Sie ist in aller Munde, in Seminaren bei der Ausbildung von Studierenden und Referendaren, bei der Schulentwicklung, sie wird an Schulen „kontrolliert“ durch verschiedene Institute für Qualitätskontrolle oder ähnliches und sie wird beforscht – gemeint ist die Unterrichtsqualität. Aber was ist Unterrichtsqualität? Unter dem Begriff Unterrichtsqualität werden Merkmale von Unterricht verstanden, die einen bedeutsamen Einfluss auf den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern haben (Helmke, 2009).

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Dr. Jonas Wibowo - Unterrichtsqualität im Sportunterricht

MERKMALE VON UNTERRICHTSQUALITÄT

Woher kommen Merkmale von Unterrichtsqualität? Merkmale von Unterrichtsqualität stammen vornehmlich aus Arbeiten der empirischen Bildungsforschung. Damit sind Forschungsarbeiten gemeint, die auf der Basis von Daten aus Klassenräumen und Sporthallen versuchen, Zusammenhänge zwischen Merkmalen von Lernumgebungen (Angeboten), dem Verhalten von Schülern (Nutzung) und Wirkungen auf Seiten der Schüler herzustellen. Solche Zusammenhänge werden in sogenannten Angebot-Nutzungs-Modellen dargestellt. Dazu weiter unten mehr. Die vielen verschiedenen Merkmale können in drei Basisdimensionen zusammengefasst werden: Klima, Klassenführung und Aktivierung.

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BASISDIMENSION — KLIMA

Die Bedeutsamkeit des Klimas in einer Klasse geht auf Arbeiten zu Beziehungen zwischen Menschen zurück. Dort wurde herausgefunden, dass die Art der Beziehung zwischen Personen (z.B. Schüler-Schüler oder Schüler- Lehrperson) maßgeblich deren Motivation beeinflusst – in beide Richtungen. Dahinter steht die folgende These: Schüler mit positiven Beziehungen sind in höherem Maße motiviert fachlich und überfachlich zu lernen. Daraus leitet sich ein zentraler Aufgabenbereich für Lehrpersonen ab. Dieser besteht einerseits darin, eine gute Atmosphäre zwischen den Schülern herzustellen, indem beispielsweise respektvolles kommunikatives Verhalten und Vertrauen zwischen den Schülern gefördert wird. Andererseits sollte die Lehrperson auch versuchen, zu jedem einzelnen Schüler eine positive Beziehung zu etablieren. Dazu gehört beispielsweise, sich für die Interessen und Sichtweisen der Schüler zu interessieren – hinsichtlich des Unterrichtsinhalts, aber auch – in begrenztem Maße – in privater Hinsicht. Auch das Preisgeben ausgewählter persönlicher Informationen kann die Beziehung zwischen Lehrperson und Schüler positiv beeinflussen und beider Motivation anheben.

BASISDIMENSION — KLASSENFÜHRUNG

Die Klassenführung ist eines der am besten beforschten Tätigkeitsfelder von Lehrpersonen. Unter Klassenführung werden jene Tätigkeiten subsummiert, die dazu dienen, die Lernzeit der Schüler zu maximieren. Befunde aus Forschungsarbeiten der 70er Jahre verweisen darauf, dass die zur Verfügung stehende Lernzeit mit dem Lernerfolg zusammenhängt. In dessen Folge wurde eine Vielzahl an Studien dazu durchgeführt, wie die Klassenführung optimiert werden kann. Unter anderem zählen dazu die Vorbereitung von Lernumgebungen, die Klarheit und Deutlichkeit von Aufgabenstellungen, die Effizienz bei Phasenwechseln und auch der Umgang mit Unterrichtsstörungen.

BASISDIMENSION — AKTIVIERUNG

Aktivierung ist der derzeit am stärksten umstrittene Merkmalbereich von Unterrichtsqualität und betrifft sowohl fachlich-inhaltliche Gestaltung von Lernumgebungen als auch die Lernbegleitung. Für einige Fächer (u.a. Mathematik) hat es sich etabliert, von kognitiver Aktivierung zu sprechen, für den Sportunterricht gilt dies nicht in gleichem Maße (Herrmann, Seiler, Pühse & Gerlach, 2015). Kognitive Aktivierung bedeutet, dass darauf geachtet werden soll, dass Schüler zu komplexen Denkoperationen, wie z.B. Problemlösen angeregt werden. Für den Sportunterricht wird gesagt, dass diese Sichtweise nicht ausreiche, um dem Inhalt von Bewegung, Spiel und Sport gerecht zu werden. Jedem der Fahrradfahren kann ist klar, dass Bewegungslernen nur bedingt über das eigene Denken zugänglich ist. Denn nicht jeder der Radfahren kann, kann in Regeln sagen, wie es geht und nicht jeder der die Regeln kennt, kann sie auch umsetzen. Manchmal braucht das Lernen von Bewegungen einfach seine Zeit. Damit ist nicht gemeint, dass Denkprozesse im Sportunterricht relevant wären. Ganz im Gegenteil, Problemlöseprozesse werden als zentral erachtet in einem bildenden Sportunterricht, wenn es etwa darum geht zu erarbeiten, wie eine Torchance herausgespielt werden kann, oder wie man gut in einer Gruppe synchron springen kann. Die sportpädagogische Forschung ist noch im Sportunterricht weit davon entfernt ein etabliertes Modell für Aktivierung vorweisen zu können. Jedoch scheint sich die Bedeutsamkeit von Problemlöseprozessen bei der Beschreibung von Aktivitäten der Schüler im Sportunterricht in verschiedenen Arbeiten zu beweisen. Demnach kann für den Sportunterricht empfohlen werden, Schüler mit komplexen Problemen zu konfrontieren, ihnen einen gewissen Spielraum für Entscheidungen zu überlassen und auch ernsthaft und respektvoll mit ihren Ergebnissen umzugehen.

UNTERRICHTSQUALITÄT IN DER UNTERRICHTSPRAXIS

Was nützen Merkmale von Unterrichtsqualität Lehrpersonen? Der Lehrerberuf an Schulen ist auch im Vergleich zu anderen akademischen Berufen von seinen Anforderungen her sehr komplex. Dass eine Lehrperson auch nach dem zweiten Staatsexamen noch nicht für alle Aufgaben in ihrem zukünftigen Berufsfeld ausgebildet ist, ist leicht nachvollziehbar. Damit geht jedoch die Aufgabe einher sich sein (Berufs-)Leben lang als Lernenden zu begreifen (Messner & Reusser, 2000). Die drei oben genannten Basisdimensionen von Unterrichtsqualität (Klassenführung, Klima, Aktivierung) strukturieren das Feld möglicher Aspekte, in denen sich Lehrpersonen weiter entwickeln können. Für die eigene, aber auch die kollegiale Unterrichtsentwicklung sei hier insbesondere auf das Angebot der Website unterrichtsdiagnostik.de verwiesen, die eine Vielzahl an Frage- und Beobachtungsbögen anbietet, um die eigene Sichtweise auf Unterricht mit denen von Kollegen und Schülern abzugleichen und so weiterzuentwickeln. Die auf der Website angebotenen Instrumente sind nach einzelnen Merkmalen und Basisdimensionen von Unterrichtsqualität strukturiert. In der folgenden Abbildung werden die Basisdimensionen von Unterrichtsqualität mit der Grundvorstellung von Unterricht, dass Lehrpersonen ein Angebot machen, dieses von Schülern genutzt wird und daraus Wirkungen entstehen in Verbindung gebracht (In Anlehnung an Lipowsky (2015)).

Literaturverzeichnis

Helmke, A. (2009). Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. Seelze-Velber: Klett Kallmeyer.

Herrmann, C., Seiler, S., Pühse, U. & Gerlach, E. (2015). „Wie misst man guten Sportunterrich?“ – Erfassung zentraler Dimensionen von Unterrichtsqualität im Schulfach Sport. Zeitschrift für Sportpädagogische Forschung, 3 (1), 5-26.

Lipowsky, F. (2015). Unterrichten. In E. Wild & J. Möller (Hrsg.), Pädagogische Psychologie (S. 77-97). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.

Messner, H. & Reusser, K. (2000). Die berufliche Entwicklung von Lehrpersonen als lebenslanger Prozess. Beiträge zur Lehrerbildung, 18 (2), 157-171.

Autor:Autor Jonas1  Dr. Jonas Wibowo forscht an der Univerversität Hamburg im Bereich der Lehrerbildung zu Schulpraktika und im Bereich der Unterrichtsforschung zur Lernbegleitung. Schulpraktische Erfahrungen hat er durch Referendariat, Schuldienst (Sport & Politik) gesammelt. Außerdem ist er als Mitherausgeber der Zeitschrift sportpädagogik tätig.

 

Dieses Dokument zitieren:
Wibowo, J. (2016). UNTERRICHTSQUALITÄT IM SPORTUNTERRICHT Zugriff am DATUM unter wimasu.de/unterrichtsqualität

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